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Start ins 20. Jahrhundert

Das Ende der Kaiserzeit

So brachte man den Jahrhundertwechsel hinter sich und trat in das neue Zeitalter ein. Die Mitgliederzahl stieg und betrug um 1910 stolze 40 Mitglieder.

Zwischendurch wurde auch der Vorstand gewechselt, und so folgte dem Vorsitzenden L. Raer im Jahre 1902 Georg Winkel und diesem 1908 Hermann Könecke. Auch um einen neuen Dirigenten musste man sich bemühen. Der langjährige Dirigent Herr Schmidt hatte sich mit der Obrigkeit überworfen. Die Obrigkeit von Rethmar war damals der Gutsherr. Nicht mehr der mehrfach erwähnte Baron von Uslar, denn dieser hatte das Gut inzwischen verkauft und Rethmar verlassen. Sein an Abenteuern reicher Lebensweg hatte ihn bis nach Afrika geführt. Der neue Gutsherr soll ein gar herrischer und adelsstolzer Mann gewesen sein. Mit diesem Patron hatte sich der Lehrer überworfen, verließ daher Rethmar und zog nach Arpke.

Doch in der damaligen Zeit konnte man erwarten, dass jeder Lehrer den Taktstock schwingen konnte und somit wurde der neue Lehrer Speckhahn als neuer Dirigent gewonnen.

Eine weitere Person muss erwähnt werden, die die Geschicke des Chores für die nächsten Jahre beeinflusst hat.

Pastor Paul Rohrbeck, der 1895 nach Rethmar gekommen war und dessen segensreiche und seelsorgerische Tätigkeit allen denen, die ihn noch gekannt haben, unvergesslich bleiben wird.

Darüber hinaus aber war Paul Rohrbeck ein aktiver Sänger, der bald dem Verein beitrat und über lange Jahre wertvolle Dienste im Chor leistete. Das Amt des Schriftführers scheint er gegründet zu haben, nachdem dessen Aufgabe bislang dem Vorsitzenden oblag. Daneben wirkte er, wie man heute sagen müsste, auch als Liedervater und Notenwart. Mancher Notensatz in Chorstärke, von ihm handgeschrieben, liegt noch in unserem Notenschrank.

Als ein Mann der Kirche wusste Pastor Rohrbeck jedoch, dass Musik und Chorgesang vor allem geeignet sind zum Ruhm und zur höheren Ehre Gottes. Deshalb ordnete er kurzerhand einige Sangesbrüder, seine Pfarrkinder, teilweise seine ehemaligen Konfirmanden, ab zum sonntäglichen Singen in der Kirche, wobei die Ehefrauen gleich mitgebracht werden mussten. Er begründete also als Ableger des MGV den Kirchenchor. Pastor Rohrbeck übernahm auch des öfteren den Taktstock und dirigierte den Chor.

Der eigentliche Dirigent des Chores war aber der Lehrer und Küster Hintze, der als Nachfolger von Herrn Speckhahn im Jahre 1903 den Stab übernommen hatte und 30 Jahre den Chor dirigierte.

In den nächsten Jahren geschah mancherlei im und mit dem Chor.

Zunächst ging es auch im neuen Jahrhundert mit der Tradition weiter, dass der Chor sich weiter entwickelte. Es wurden Feste gefeiert, Theaterstücke aufgeführt und der Kontakt zu befreundeten Vereinen gepflegt. Man war anspruchsvoller geworden, eine Zwei-Mann-Kapelle reichte nicht mehr, es mussten schon drei oder vier Musikanten her. Bei Feiern legte man auf Etikette großen Wert. Gesellschaftsanzug und großes Abendkleid waren eine Selbstverständlichkeit. Und mit Bier und Schluck begnügte man sich auch nicht mehr, es herrschte Weinzwang.

Man merkte, Kaiser Wilhelm führte sein Volk „herrlichen Zeiten entgegen“.

Die Zeit der zwei Kriege

Gefallenendenkmal Sangesbrüder

Und plötzlich war alles aus. Der erste Weltkrieg setzte der „guten alten Zeit“ ein jähes Ende, und auch in Rethmar musste man sich umstellen. Die meisten Sänger mussten „zu den Fahnen einrücken“, nur 14, weniger als die Hälfte der Sänger, blieben zurück und versuchten den Chorbetrieb einigermaßen aufrecht zu erhalten. Fest steht, dass in der Zeit von 1917 bis 1920 das Chorleben komplett zum Erliegen kam.

Erst 1920 gelang es mit dem alten Vorstand und dem alten Dirigenten den Chor wiederzubeleben. Es kam eine unruhige Zeit auf den Chor zu, einige Sänger waren nicht aus dem Krieg zurückgekommen, die Inflation rückte heran, die Beiträge wurden am Übungsabend gezahlt und gleich wieder beim Wirt ausgegeben, da das Geld eventuell am Morgen nichts mehr Wert war. Doch glücklicherweise ist alles im Leben vergänglich, auch die Inflation ging vorüber. Die Zeiten normalisierten sich, und der Chorbetrieb ging wieder weiter.

Im Jahre 1923 übernahm Erich Klußmann das Amt des Vorsitzenden und behielt dieses Amt 30 Jahre inne.

Das Vereinsleben ging wie gewohnt weiter, die „Goldenen Zwanziger“ erwiesen sich als kurzlebige Scheinblüte und bald setzten wieder schwere Zeiten ein. Trotz der schwierigen Zeiten feierten die Sänger des MGV das 50-jährige Bestehen im kleinen Rahmen im Saal der Gastwirtschaft „Zum großen Freien“. Inzwischen war das alte Vereinslokal „Krone“ in andere Hände gewechselt und mit dem neuen Inhaber hat es wohl Unstimmigkeiten gegeben. Der neue Vereinswirt und Sangesbruder Wilhelm Denker betreute seine Vereinskameraden bei ihrem 50-jährigen Jubiläum und anschließend noch jahrzehntelang in vorbildlicher Weise.

Nach der Zeit der Wirtschaftskrise folgte die Zeit des Nationalismus mit tief greifenden Umbrüchen, die auch an unserem Verein nicht spurlos vorbei gingen.

Zunächst scheinen die Vereinskameraden wenig davon gespürt zu haben. Was tut es schon, wenn der Vorsitzende plötzlich Vereinsführer heißt, oder wenn Ämter nicht mehr gewählt, sondern befohlen wurden. Die Versammlungen wurde nun mit „Sieg Heil“ auf den Führer und Volkskanzler geschlossen.

Aber gar so tierisch ernst schienen die Kameraden das alles nicht zu nehmen. Man kam nach wie vor zusammen, sang, ließ zum Schluss die Weser rauschen und spendete dem deutschen Liede Heil, wie es die Protokolle immer wieder in ähnlicher Formulierung erwähnten.

Gegen den Vorschlag, ein Fass Bier aufzulegen, hatte niemand etwas einzuwenden.

Dazu wurde der Betrag aus der Kasse entnommen. Eintrag im Kassenbuch: 9.Januar 1936, Quittung: Wilhelm Denker für 27 Liter Bier 16,20 RM.

Ebenfalls wechselte die musikalische Leitung des Chores, Dirigent Lüters übernahm von 1934 bis 1939 den Taktstock.